Melkonyan



Passagen aus dem Lepsiusbuch

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Passagen aus dem Streng vertraulichen Lepsiusbuch
B e r i c h t über Die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei“

 2.Wilajet Erzerum

Das Wilajet Erzerum zählte unter 645 700 Einwohnern 227 00 Christen, nämlich 215 000 Armenier und
12 000 Griechen und andere Christen. Von der mohammedanischen Bevölkerung sind 240 700 Türken resp. Turkmenen, 120 000 Kurden (45 000 Sesshafte, 30 000 Sasakurden und
45 000 Nomadenkurden); 25 000 Kisilbasch (Schiiten), 7000 Tscherkessen und 3000 Jesidis (sogenannte Teufelsanbeter). In den Städten Erzerum, Erzingjan (Erzincan), Baiburt, Chinis, Terdjan machten die Armenier ein Drittel bis zur Hälfte der Bevölkerung, in einzelnen Landdistrikten mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus.

Seit Ausbruch des Krieges wurden bei den Armeniern Requisitionen vorgenommen, die das Vielfache von dem betrugen, was die Türken hergeben mussten. Man führte Lasttiere vor die Magazine und lud wahllos alle Waren auf, von denen der größte Teil für Militärzwecke unbrauchbar war. Bei den Türken wurden die Requisitionen vorher angesagt, so dass sie Zeit hatten, die Waren aus ihren Magazinen in ihre Häuser zu holen und dort zu verstecken. Alle Lagervorräte an Manufakturwaren, die im Herbst aus dem Ausland eintrafen, wurden den Kaufleuten weggenommen. Die Beamten benützten die Requisitionen zu Erpressungen. Der Garnisonssekretär von Erzingjan (Erzincan), Hadji Bey, kam in das Magazin von Sarkis Stepanian, ließ einige armenische Kaufleute dort hinkommen und sich von ihnen 300 türk. Pfund auszahlen. Um den Schein zu wahren nahm er auch von türkischen Kaufleuten eine geringfügige Summe. Nach der Plünderung des Bazars kamen die Häuser an die Reihe. Unter dem Vorwande, Waffen zu suchen, durchwühlten die Gendarmen alle Kisten und Kasten und nahmen mit, was ihnen behagte. Niemand durfte gegen derartige Requisitionen ein Wort sagen. Auf den geringsten Verdacht oder irgendeine Denunziation hin wurden harmlose Leute ins Gefängnis geworfen, gefoltert und vor das Kriegsgericht gestellt.

Wie im Wilajet Trapezunt (Trabzon), so waren auch im Wilajet Erzerum von jungtürkischen politischen Klubs Banden, sog. Tschettehs, aus den schlechtesten Elementen der Bevölkerung gebildet und bewaffnet
worden. Diese Banden sahen ihre Hauptaufgabe darin, armenische Dörfer zu überfallen und zu plündern. Fanden sie keine Männer, so wurden die Frauen vergewaltigt und unter Misshandlungen gezwungen, alles was sie noch an Geld oder Geldeswert hatten, herauszugeben. Die Daschnakzagan beklagten sich bei Tahsin Bey, dem Wali von Erzerum, als in den Dörfern Dwig, Badischin und Targuni derartiges vorgekommen war. Er versprach, die Missetäter zu bestrafen, aber nach 10 Tagen geschah genau dasselbe in den Dörfern Hinzk und Zitoth. So sah es schon Anfang Januar auf dem Lande aus.

Dem Wali Tahsin Bey, der den besten Willen hatte, gelang es vorübergehend, die Ausschreitungen der Tschettehs und der Gendarmen zu unterdrücken, so dass es Anfang Februar erheblich besser in der Provinz aussah. Zwar fielen die Requisitionen immer noch mit ihrer ganzen Schwere auf die Armenier, aber im Interesse der nationalen Verteidigung fand man sich auch in das ungleiche Maß, mit dem Muselmanen und Nichtmuselmanen gemessen wurden. Auch dagegen wurde nichts eingewendet, dass 15 armenische Dörfer in der Umgegend von Erzerum von ihren Einwohnern geräumt werden mussten, um kranke Soldaten aufzunehmen. Im März fing das Bandenunwesen, das von jungtürkischen Kreisen gegen den Willen des Walis unterstützt wurde, von neuem an; ebenso wurden gegen wohlhabende Armenier in den Städten unter Androhung des Todes die schlimmsten Erpressungen ausgeübt. In Terdjan ließ der Polizeimüdir von Erzerum einen angesehenen Armenier mit seiner 10jährigen Tochter zu sich kommen und beide auf der Stelle erschießen.

Im März des Jahres wurden die Armenier von befreundeten Türken in Erzerum gewarnt und davon benachrichtigt, dass die Mitglieder des „Komitees für Einheit und Fortschritt“ ein Massaker planten. Der später an Typhus verstorbene Dr. Taschdjan, ein bei Türken und Armeniern gleich angesehener Mann, teilte dies zwei deutschen Rote-Kreuz-Schwestern mit, die im Militärlazarett von Erzerum türkische Soldaten pflegten und bat sie, den damaligen Festungskommandanten von Erzerum, den deutschen General Posselt-Pascha, davon zu benachrichtigen, damit er seinen Einfluss geltend mache und dem Unheil vorbeugt werde. Man erzählte, dass es General Posselt gelungen sei, die Gefahr abzuwenden. Er wurde aber bald darauf genötigt, seinen Abschied zu nehmen und durch einen türkischen Offizier ersetzt. Auch der deutsche Konsul in Erzerum, Herr von Scheubener-Richter, tat sein Möglichstes, um den bedrängten Armeniern beizustehen und eine Verschlimmerung der Lage zu verhindern. Von armenischer Seite wurde ihm das beste Zeugnis ausgestellt. Während der Wali Tahsin Bey sich lange Zeit gegen die von Konstantinopel geforderten Maßregeln sträubte, arbeiteten die Häupter der jungtürkischen Partei um so energischer daran, die Muhammedaner gegen die Armenier aufzureizen. Sie erklärten, es sei ein Fehler Abdul Hamids gewesen, dass er die Massaker vor zwanzig Jahren nicht gründlicher veranstaltet und alle Armenier ausgerottet habe.

Das Verhältnis der armenischen zur türkischen Bevölkerung in Erzerum war ein ausgezeichnetes gewesen. Erst durch jungtürkische Agitatoren wurden die Muhammedaner aufgestachelt und die Regierung verhindert, gegen Gewalttaten einzuschreiten. Die Jungtürken bestanden darauf, den Rest der männlichen Bevölkerung an die Front zu schicken, um dann freie Hand zu haben. Von ihren türkischen Freunden wurden die Armenier gewarnt, ihre Häuser zu verlassen.

Zur Zeit der Konstitution waren von den Jungtürken Waffen auch an die armenischen Dörfer verteilt worden, auf deren Hilfe sie im Falle einer Reaktion rechneten. Diese Waffen wurden ihnen jetzt unter sinnlosen Torturen wieder abgenommen.

In dem Hause eines Armeniers namens Humajak in Erzingjan (Erzincan) befand sich ein Tonnür, ein in den Boden gegrabener Backofen. Unter dem Backofen entdeckten die Gendarmen einen Brunnen, der längst außer Gebrauch und verschlossen war. Die Gendarmen vermuteten Waffen in dem Brunnen, fanden aber keine und schlugen deshalb dem Humajak so fürchterlich, dass er krank wurde. Der arme Mann hatte das Haus erst seit einem Monat gemietet und hatte keine Ahnung, dass sich unter dem Tonnür eine Zisterne befand. Als der Mann wieder laufen konnte, wurde er verhaftet und im Gefängnis gefoltert. Die Nägel und Bündel von Haaren wurden ihm mit Zangen herausgerissen.

Wenn er das Bewusstsein verlor, wurde er mit einem kalten Wasserguss wieder zur Besinnung gebracht und die Folterung fortgesetzt. Man wollte von ihm wissen, was er in der Zisterne verborgen habe. Der Unglückliche konnte nichts angeben, da er von der Zisterne nicht einmal etwas gewusst habe. Darauf wurde ihm ein Dokument vorgelegt, in dem er zu bezeugen hatte, dass er unter dem Tonnür Bomben und Waffen verborgen habe. Unter Foltern wurde er gezwungen, das Schriftstück zu unterschreiben. Alsdann wurde er nach Erzerum deportiert. Derartige Dokumente hatten den Zweck, einen Vorwand für die Deportation herzugeben. Die Armenier, die von dieser Sache hörten, wussten jetzt, was ihnen drohe. Als die Requisitionen und Haussuchungen in der Stadt beendet waren und nichts gefunden worden war, wurden die Gendarmen auf die Dörfer geschickt.

 


 

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