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Wahrheit und Lüge

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W A H R H E I T   U N D   L Ü G E (Mitteilung des ZAD vom 07.04.2010)

 

Die Erinnerung an die Opfer eines Völkermords ist nicht nur Verpflichtung den Toten und den Überlebenden gegenüber, sie ist ebenso Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft. Nur wenn wir die Fakten schonungslos benennen, Ursachen und Wesen, Ausmaß und systematischen Charakter eines Völkermords darstellen, werden wir in der Lage sein, politische Strategien zu entwickeln, um ein solches Morden in Zukunft zu verhindern und wirklich Leben zu retten. Daniel Goldhagen belegt in seinem neuen Buch „Schlimmer als Krieg“ diesen Zusammenhang. „Macht“, so der Autor, „ermöglicht es Menschen zu töten, große Macht erlaubt es ihnen, im großen Stil zu töten.“ Und dabei muss uns doch klar sein, dass solche Tötungsphantasien,       

wo immer in der Welt sie geträumt werden, nur dadurch zu beenden sind, dass ihnen international die Legitimation entzogen wird. Wir – und mit uns viele Freunde in aller Welt - gedenken heute der Opfer des Völkermords von 1915. Damals, am 24. April, begann die Ausrottung der Armenier mit der Festnahme und Verschickung der Eliten in Konstantinopel. Die osmanische Türkei ermordete 1,5 Millionen Armenier, Opfer waren ebenso christliche Assyrer und Griechen. Die Toten haben bis heute keine Gerechtigkeit erfahren. Ihre Ermordung wurde jahrzehntelang verleugnet, bestenfalls verschwiegen. Die Türkei hat diese Völkermordlüge zur Staatsdoktrin erhoben. Selbst Deutschland, durchaus involviert in diese Tötungsorgie, hat erst sehr spät reagiert. Eine förmliche Anerkennung des Genozids steht bis heute aus. Das ist der Appell, den wir mit dieser Gedenkfeier an die deutsche Politik richten:

Anerkennung des türkischen Völkermords an den Armeniern ohne Wenn und Aber. Und dann lassen Sie uns gemeinsam das Mahnmal für die Opfer bauen, unseren „Kreuzstein der Erinnerung“ in Berlin. Die Türkei fordert seit langem eine so genannte Historikerkommission, die über die Faktizität des Völkermords befinden soll. Deutsche Politiker, gerade erst das Außenministerium, haben sich diese Forderung zu eigen gemacht: ein diplomatischer Erfolg türkischer Einschüchterungs- und Desinformationskampagnen. Wenn wir die wissenschaftlich unbestrittene Faktizität des Völkermords in die Hände einer staatlich gelenkten „Historikerkommission“ gäben, wäre das Thema endgültig vom Tisch. Das sauber retuschierte Selbstbild der Türkei würde die Wahrheit für immer überdecken. Die Staatengemeinschaft würde wieder einmal darauf verzichten, dem Völkermord die rechtliche, politische und moralische Legitimation zu  entziehen. Nicht nur wir Armenier müssten Angst um die Zukunft unseres demokratischen Wertesystems haben. Die Völkermordlüge gehört ins  Strafgesetzbuch, sie darf keinesfalls auch noch durch das Angebot eines EU-Beitritts belohnt werden. Die staatliche türkische Retusche des eigenen Geschichtsbilds führt dazu, dass selbst viele türkische oder türkischstämmige Bürger hierzulande nur hilflos aggressiv reagieren können, wenn sie mit dem Völkermord ihrer Vorfahren konfrontiert werden. Das deutsche Bildungssystem hat in dieser Frage komplett versagt. Versagt haben auch die hiesigen türkischen Verbände und Organisationen, die ihre Mitglieder um ihre  eigene Geschichte betrügen – um ihre Geschichte, die so schmerzhaft ist wie die deutsche Geschichte den Deutschen, die aber eben doch ihre eigene wäre. Die türkische Soziologin Necla Kelek nennt das einen „kollektiven Reflex“, der viele Migranten in eine Opferrolle flüchten lässt. So kehrt sich die Geschichte des Völkermords an den Armeniern in ihr genaues Gegenteil: Makabres Detail eines historischen türkischen Sittengemäldes, das in Wirklichkeit eine Collage aus Lüge und Schweigen, aus Macht und Ohnmacht, aus Großmannssucht und Feigheit ist. Die Wahrheit ist ganz einfach: Die Armenier gedenken heute der Opfer des Völkermords.

 

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