Melkonyan



Grund meiner Auswanderung

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GRUND MEINER AUSWANDERUNG

 Am Abend des 06. September 1955 ging ich nach dem Besuch aus dem Boxverein „Sisli“ in Taksim auf die Straße Beyoglu, Zentrum von Istanbul, und konnte meinen Augen nicht trauen. Die Plünderung hatte angefangen, die Straße war voll mit Kühlschränken, Textilien, Schuhen und verschiedenen Sachen bedeckt. Man konnte nicht auf der Strasse gehen. Die Straßenbahn konnte überhaupt nicht fahren. Die Leute waren in einem Rausch, um alles kaputt zu machen, was nicht den moslemischen Türken gehörte. Dies alles geschah vor den Augen der Polizei, wie im Jahre 1915 bei der Deportation der Armenier. Alle Geschäfte, die nicht moslemischen Türken gehörten, wurden geplündert. Um das Geschäft vor den Plünderern zu schützen, hat man in die Schaufenster das Bild von Atatürk gestellt und den Koran daneben gelegt. Die Plünderer haben nicht gewagt, diese Schaufenster einzuschlagen. Sie glaubten, dass diese Geschäfte den moslemischen Türken gehören, und nicht einem Armenier, Griechen, Aramäer oder Juden.  Das war eine richtige Kristallnacht in der Türkei. Diese Plünderungen haben auch am nächsten Tag am 07.September 1955 angedauert, bis die Polizei von oberster Stelle Anweisungen bekommen und eingegriffen hat. Die Plünderer, die festgenommen wurden, wurden nach Haydarpasa, asiatische Seite von Istanbul, in das Militärgefängnis gebracht. Ein mir bekannter Grieche kam am nächsten Tag zu uns und erzählte weinend, dass am gestrigen Tag ca. 30 Männer in seine Wohnung eingedrungen sind. Er habe sich mit seinem kleinen Sohn im Keller versteckt. Die Männer haben oben in der Wohnung alles geplündert und seine Frau mehrmals vergewaltigt. Sie haben sogar versucht, seine alte Mutter auch zu vergewaltigen, aber mit den Worten „Du bist zu alt, aber Du bekommst auch Deinen Spaß“ von der Vergewaltigung Abstand genommen und haben ihr, während einige Männer sie festhielten, einen Besenstiel in ihr Geschlechtteil geschoben. Der Mann hatte keine Socken anzuziehen, wir haben ihm einige Socken und Unterwäsche  gegeben.

Nach dem ich diese zwei Tage miterlebt hatte, wollte ich nicht mehr in diesem Land bleiben, ich habe mir in den Kopf gesetzt, aus der Türkei auswandern. Im Jahre 1956 bin ich mit dem Schiff von Meki, (Kapitän und  Besitzer des Schiffes, er war ein Freund meines Bruders) als Seemann nach England, Norwegen, Dänemark und Holland gefahren und versuchte, in irgendeinem Land auszusteigen, aber leider ist es mir nicht gelungen. Der Koch des Frachter-Schiffs (war wie alle Seemänner im Schiff aus der Gegen vom Schwarzem Meer) erzählte mir, wie die Türken im ersten Weltkrieg die Armenier umgebracht haben, unter anderem erzählte er eine Heldentat „die Armenier wurden auf das Schiff geladen, um angeblich nach Istanbul gebracht zu werden. Als sie auf dem Meer waren, wurden sie einzeln in den Ofen geworfen und so vernichtet. Als ein Armenier vor den Ofen gebracht wurde, hat er gewusst, dass er in den Ofen geworfen wird, und er hat sich von den Leuten losgerissen und ist schreiend von allein in den Ofen gesprungen“. Danach bin ich über Griechenland in die Türkei zurück gefahren.    

Saeman Certificate vom 13.01.1956

Mit Hilfe des Schwiegervaters meines Cousins Agop Çalikyan bin ich endlich im Jahre 1957, genau gesagt am 08.10.1957, mit einer Übernachtung in Paris, nach Deutschland geflogen. Nach einer Woche Aufenthalt bei meinem Freund Vigen Horhoruni in Aachen bin ich am 14.10.1957 nach Oelde gekommen. Die Oelder Firma Ventilatorenfabrik hatte es mir ermöglicht, nach Deutschland auszuwandern. Der Firmeninhaber, Herr Hupe, war damals in Oelde mit einem Zahnarzt „SINANIAN“ befreundet. Der Zahnarzt war ein armenisches Waisenkind aus der Türkei. Er wurde bei dem ersten Pogrom an den Armeniern unter dem türkischen Sultan Abdülhamid II 1896 aus der Türkei nach Deutschland gebracht und wurde von der Familie Morstatt in Bielefeld adoptiert. Nach seinem Studium haben er und die Tochter der Familie geheiratet. Da Herr Hupe wusste, was die Türken im ersten Weltkrieg mit den Armeniern gemacht haben, hat er mir die Gelegenheit gegeben, aus der Türkei nach Deutschland zu kommen  und in seiner Firma zu arbeiten. Im Jahre 2005 wurde in Istanbul Beyoglu, eine Ausstellung über die Kristallnacht von 1955 geöffnet. Der Ausstellungsraum wurde von den Nationalisten besetzt. Alle Bilder wurden vernichtet und mit der türkischen Fahne gegen die Ausstellung demonstriert. Darüber möchte ich nicht meine Meinung sagen, die Bilder sprächen für sich selbst. Nicht von ungefähr ist die Zahl der Christen in der Türkei im vergangenen Jahrhundert daher dramatisch gesunken und sinkt weiter: Betrug der Anteil christlicher Ethnien innerhalb der Grenzen der heutigen Türkei vor dem Ersten Weltkrieg noch rund ein Viertel der osmanischen Gesamtbevölkerung, so ist der Anteil auf heute 0,1 Prozent gesunken. In Istanbul zählte 1914 fast jeder zweite Einwohner zu einer christlichen Kirche; heute liegt der Anteil der Christen in den 15-Millionen Metropolen bei weniger als einem Prozent. Die größte Gruppe sind die rund 65.000 armenisch-apostolischen Christen, gefolgt von den 10.000 arabischorthodoxen Christen, die zu 95% in den Provinzen Hatay und Mersin leben. Rund 10.000 syrisch-orthodoxe Christen leben in Istanbul, noch etwa 3.000 im alten Stammgebiet des Tur Abdin (Mardin/Midyat). Kleine Gruppen sind inzwischen die nur noch gut 2.000 Orthodoxen, die etwa 3.000 armenisch-katholischen und die 1.250 syrisch-katholischen sowie die nur etwa 300 chaldäischen Christen geworden. Alle Übrigen, d.h. vor allem Protestanten verschiedenster, zumeist freikirchlicher Ausrichtung und römische Katholiken, machen zusammen vielleicht noch einmal 15.000 Personen aus. Sie, wie auch die anderen Christen – mit Ausnahme der arabischsprachigen Orthodoxen und der Syrisch-Orthodoxen, leben zu 95 % in Istanbul.

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