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Zentralrat der Juden in Deutschland

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Genozid an den Armeniern

Interview der Nachrichtenagentur ddp mit dem Generalsektretär des Zentralrats der Juden in Deutschland Stephan J. Kramer

Frage: Kürzlich zeigte die ARD den Film Aghet – ein Völkermord von Eric Friedler und setzte damit eine inzwischen weltweite Diskussion in Gang. Am 24. April 2010 jährt sich nun der Anfang der türkischen Verbrechen an den Armeniern zum 95. Mal. Was sagen Sie zu diesem Thema?

Stephan J. Kramer : Die Diskussion um den Völkermord an den Armeniern wird seit Jahrzehnten mit wechselhafter Leidenschaft geführt. Leider ist das Thema auch allzu oft auf dem Altar internationaler politischer Interessen und Abhängigkeiten gegenüber dem NATO-Mitglied Türkei, opportunistisch geopfert worden. Auch israelische und amerikanische Regierungen haben sich da nicht mit Ruhm bekleckert. Der Film hat einen existentiellen Beitrag zu der Debatte geleistet. Erstmals wurde vorhandenes historisches Material in einem Umfang, auch für ein normales Publikum aufgearbeitet, wie dies vorher nicht gelungen ist. Ich schließe mich der Meinung von Günter Grass an, wonach der Film ohne Wenn und Aber auch im türkischen Fernsehen ausgestrahlt werden sollte.

Frage: Gegen die Dokumentation wird der Vorwurf der „Propaganda" erhoben. Was sagen Sie dazu?

Stephan J. Kramer : Der Propaganda-Vorwurf ist ein beliebter, aber untauglicher Versuch, sich aus der Affäre zu ziehen, wenn die objektive Beweislast erdrückend ist. Der Film basiert auf historischem Material aus internationalen Quellen, die für jeden zugänglich sind. Selbst beim damaligen Verbündeten der Türkei, in Deutschland, finden sich diese Berichte und Aktenvermerke über die furchtbaren Verbrechen im Archiv des Auswärtigen Amtes. Schon im Juli 1915 meldete der deutsche Botschafter von Wangenheim ans Auswärtige Amt in Berlin, dass es „keinen Zweifel mehr daran gibt, dass man versucht, die Armenische Rasse im Türkischen Reich auszulöschen".                                                                                                       

Frage: War es ein Völkermord?

Stephan J. Kramer : Aufgrund der mir bekannten Faktenlage war es ein Völkermord, aber viel wichtiger ist die Frage, wie die türkische Regierung und das türkische Volk dieses Verbrechen beurteilen. Bereits 1998 hat der Europarat das Verbrechen an den Armeniern als Völkermord anerkannt. Der US-Amerikanische Kongress hat im März 2010, wenn auch mit knapper Mehrheit, eine Resolution beschlossen wonach es sich um einen Genozid handelt. Die überwiegende Mehrheit der internationalen Wissenschaftler sind dieser Ansicht. All das nützt aber nur wenig, wenn nicht die türkische Regierung endlich damit beginnt die international bekannten Fakten umfassend aufzuarbeiten und daraus eigene Schlüsse zu ziehen. Es geht nicht darum die Türkei heute, mit dem mahnenden Zeigefinger für die Taten ihrer Urgroßväter kollektiv auf die internationale Anklagebank zu setzen und zu demütigen. Der Prozess der Aufarbeitung muss aber endlich in Gang kommen. Das sind wir alle, die Türkei aber auch die internationale Gemeinschaft, den Opfern und ihren Hinterbliebenen schuldig, aber auch den nachgeborenen Generationen in der Türkei.

Frage: Welche Konsequenzen sind nun zu ziehen. Was erwarten Sie von der Türkei?

Stephan J. Kramer : Die Türkei ist ein faszinierendes im Wandel befindliches Land, eine Kulturnation, die es verdient mit Respekt und Anerkennung behandelt zu werden. Ich wünsche mir daher erstens, dass die Notwendigkeit der Aufarbeitung in der Türkei formal anerkannt und in die Tat umgesetzt wird. Zweitens, Trauer und Mitgefühl in der türkischen Gesellschaft zugelassen werden, denn ich habe das Gefühl das es hierzu bereits eine wachsende Bereitschaft gibt. Die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte haben gezeigt, dass erst nachdem die Deutschen die Ungeheuerlichkeiten ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit eingesehen und zumindest in der Mehrheit verarbeitet haben, ein bis heute übrigens andauernder Prozess von Verleugnung, Erinnerung, Diskussion, Erziehung und Streit, sie damit beginnen konnten, mit dieser Vergangenheit zu leben und sie zu überwinden. Beide Ereignisse sind nicht vergleichbar, aber für uns alle gilt, nur wer die Vergangenheit bewältigt, kann die Zukunft gewinnen.

(Berlin, den 21. April 2010)

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