Melkonyan



Kurze Erinnerungen 5

Menschen, die das Benehmen nicht gelernt haben

Es gibt Menschen, die vom Weltgeschehen keine Ahnung haben, aber meinen, dass sie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Hier einige Vorfälle, die wir mit unseren  Nachbarn erlebt haben. Das sind wahre Geschichten, und die ich nicht übertreibe und auch nicht verschönere, ich schreibe sie auf, wie sie tatsächlich geschehen sind:

Als ich 1957 nach Deutschland kam, habe ich bei der Ventilatoren Fabrik in Oelde als Schlosser gearbeitet. Ich wurde von meinen Arbeitskollegen als Freund angenommen, alle waren zu mir hilfsbereit, keiner hat mich als Ausländer betrachtet. Frau Trude Beerheide, die Besitzerin des Hotels Mühlenkamp, wo ich dreieinhalb Jahre gewohnt habe, hat mich als Familienmitglied in ihre Gruppe aufgenommen, sie sagte zu mir Herr Vahric. Die Oelder Bürger in meinem Alter und jünger haben sich mit mir angefreundet und mich überall hin mitgenommen, und wir haben gemeinsam gefeiert. Als ich für den Refa Lehrgang nach Münster fuhr, waren die anderen Mitschüler sehr nett zu mir, keiner hat mich als Ausländer betrachtet, auch die Lehrer waren sehr behutsam mit mir. Danach, als ich meine Arbeitsstelle gewechselt und zur Firma Claas nach Harsewinkel ging, habe ich auch dort nicht bemerkt, dass ich ein Ausländer bin, alle waren sehr nett zu mir. Diese schöne Zeit hielt an bis wir 1972 ein Haus auf der Schubertstraße gebaut haben. Dort haben mich einige Nachbarn fühlen lassen, dass ich ein Ausländer bin.

Wir haben  unser Grundstück bekommen und wollten bauen. Da ich von meinen Eltern und meiner Erziehung den Umgang mit anderen Menschen gelernt habe, wollten ich und meine Frau unsere zukünftigen Nachbarn kennenlernen und uns bekannt machen. Nach einer Terminvereinbarung sind wir, meine Frau und ich, einen Blumenstrauß in der Hand, entsprechend angezogen, zu unseren Nachbaren gegangen. Die Tür wurde von einer Frau geöffnet, angezogen ähnlich wie eine Gartenkleidung. Ich dachte, sie sei die Hausgehilfin, aber als sie uns mit großen Augen, so elegant angezogen sah, sagte sie uns: „Ach, ich dachte, sie kommen mit so einer dicken Mutti zu uns, deshalb habe ich mich so angezogen“. Meine Frau und ich waren sprachlos, was denkt diese Frau über uns, denkt sie, dass nur die Deutschen sich so modern und elegant anziehen und die Ausländer nicht?  Was für eine Arroganz!  In diesem Augenblick habe ich mich an die Princes Insel in Istanbul, von dort komme ich, erinnert. Dort,  wo die Damen schon Hots Pants trugen, in Oelde durfte noch nicht einmal ein Bikini in der Badeanstalt ge- tragen werden. Was für eine Ahnung hat diese Frau von Ausländern? Ich war sehr enttäuscht, ich habe nicht geglaubt, dass solche ungebildeten, unhöflichen Deutschen in Deutschland leben. Meine Vorstellung von Deutschland war eine ganz andere. Wir sind ins Haus gegangen und haben den Abend zusammen verbracht.
 
Die Nachbarn und wir haben gleichzeitig gebaut und sind fast gleichzeitig eingezogen. Eines Tages hat die Nachbarin meine Frau zu sich zum Stricken eingeladen. Meine Frau ging hin, die beiden waren allein. Die Nachbarin holte aus dem Keller eine Flasche Wein, öffnete die Flasche und füllte  die Gläser. Sie sah auf das Etikett und sagte plötzlich zu meiner Frau: “Ach, die teure Flasche habe auf gemacht, mein Mann wird böse“ Daraufhin sagte meine Frau zu ihr: „kein Problem Frau… wir haben noch nicht getrunken, schütten sie den Wein in die Flasche zurück und machen sie wieder zu“ Die Nachbarin wusste nicht, was sie machen sollte, aber in diesem Augenblick kam ihr Ehemann nach Hause. Sie sagte ihm, was sie mit der teuren Flasche gemacht hat. Er sagte zu ihr: „ so schlimm ist es nicht, ich habe die Flasche im Angebot zu fünf  DM gekauft“. PEINLICH, PEINLICH, was hat diese Frau in ihrer Kindheit gelernt?
 
Beim Bauen der Häuser haben wir auch im Haus viel gearbeitet. Eines Tages kommt der Nachbar zu mir und sagte „Herr Melkonyan, die Maurer haben bei mir die eine Wand in der Küche 30 cm schief gemauert“. Ich sagte ihm „sofort dem Bauunternehmer sagen, damit es korrigiert werden kann.“ Er sagte mir lächelnd „Nein, ich sage überhaupt nichts, zum Schluss ziehe ich fünftausend DM ab“ Wie er mir später auch gesagt hat, hat er von Gesamtsumme 5.000,00 DM abgezogen. Er wohnt jetzt  lebenslang in einer Küche mit der schiefen Wand.

Wir waren in unsere Häuser eingezogen, aber die Gärten waren noch nicht angelegt. Eines Tages hörte ich von unserem Sohn, der noch nicht mal zehn Jahre alt war, dass er auf dem Franzosen Weg (jetzt Westring) am Wald gestanden und die Leute, die vorbei gehen, angehalten hat, damit unser Nachbar, der Jäger ist, auf die von ihm am Wald aufgestellte Schießscheibe schießen kann. Ich bin zu dem Nachbarn gegangen und habe ihm verboten, unseren Sohn für so etwas nicht mehr zu benutzen.

Wir wohnten in unseren Häusern und die Gärten waren eingezäunt. Eines Tages hörte ich Schüsse in Nachbars Garten. Ich schaute nach und sah an der Straßengrenze des Nachbarsgartens ein totes Kaninchen liegen, und der Hund des Nachbarn stand davor. Der Nachbar kam aus der Küchentür mit einem Gewehr in der Hand, und sagte mir, dass er vom Badezimmerfenster aus in der oberen Etage das Kaninchen getötet habe. Ich sagte ihm, dass es nicht erlaubt ist, er als Jäger müsse das wissen. Er gab mir als Antwort „Zeigen Sie mich an“. Ich habe ihn nicht angezeigt, in der Hoffnung, dass so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommt.

Da der Nachbar ohne meine Genehmigung hinter seiner und unserer Garage eine Wand über zwei Meter hoch gebaut hat, habe ich mir von meinem Nachbarn eine Genehmigung unterschreiben lassen, um hinter unserer Garage eine Überdachung mit Plexiglas zu bauen. Eines Tages kam jemand von der Amtsverwaltung zu uns und sagte, dass es eine telefonische anonyme Anzeige gegeben habe, ob wir diese Baumaßnahme am Bauamt gemeldet haben?  Als er merkte, dass wir keine Genehmigung haben, hat er empfohlen, eine Zeichnung herzustellen und einen Bauantrag am Amt zu stellen. Ich habe die Zeichnung machen lassen und einen Bauantrag gestellt. Damit war die Sache auch erledigt.

Die Nachbarn haben ihre Obstbäume zu nah an die Grenze gepflanzt. Wir mussten unsere Omoriken-Bäumen zwei Meter entfernt von der Grenze pflanzen. Die Birnen, die an den Ästen, die über die Grenze in unseren Garten auf den Gartenweg rankten, fielen ab auf unseren Weg. Ich habe mehrere Male den Nachbar gebeten, die Äste der Obstbäume abzuschneiden. Es geschah aber nichts. Eines Tages sah ich die Nachbarin und habe nochmals gebeten, die Äste zu schneiden, sonst werde ich sie abschneiden.  Daraufhin sagte sie mir „Wenn Sie einen einzigen Ast abschneiden, werde ich Sie bei der Stadtverwaltung anzeigen, und sie werden sie ihre Bienen samt Bienenhaus aus ihrem Garten entfernen“. Etwa nach halben Stunde kam der Nachbar nach Hause, und als ich im Garten am Arbeiten war, sagte er mir wortwörtlich „HERR MELKONYAN, WENN SIE NOCHMALS MEINE FRAU, EINE DEUTSCHE FRAU, ANSCHREIEN, WERDE ICH EIN KANTHOLZ NEHMEN UND SIE WIE EIN SCHWEIN TOTSCHLAGEN.“ Ich war sprachlos, ich wusste nicht, was ich sagen soll. Ich habe ihm gesagt „Bitte, hier bin ich schlagen sie mich tot“. Er  ging lächelnd  im Schnellschritt in seine Küche. Am Abend sammelte er seine Bienenstöcke ein, die neben der Haustür und im Garten standen und brachte sie an einen anderen Standort. Am nächsten Tag rief Jemand von der Stadtverwaltung an und bat mich zu einem Gespräch ins Amt. Ich ging hin und sah, dass die Nachbarin angerufen und sich über meine Biene beschwert und gesagt hat, dass ich ohne Genehmigung das Bienenhaus gebaut habe. Ich erklärte dem Beamten, was zwischen uns geschehen war und habe ihm gesagt, dass der Nachbar bis zum gestrigen Tag seine Bienen neben der Haustür und im Garten hatte. Außerdem zeigte ich ihm die Baugenehmigung meines Bienenhauses. Ich durfte nach Hause gehen. Nach einigen Tagen bekam ich die Kopie eines achtseitigen Ablehnungsprotokolls, gerichtet an unsere Nachbarin, die die Beschwerde bei der Amtsverwaltung eingelegt hatte. Ich glaube nicht, dass unsere Nachbarin durch all ihre Niederlagen, die sie gegen uns erlitt, begriffen hat, uns als Mittglied dieser Gesellschaft akzeptieren zu müssen.

Des Öfteren kamen Besucher zu unseren Nachbarn und parkten vor und auf unserer Auffahrt. Eines Abends waren wieder viele Autos auf der Straße geparkt. Plötzlich parkte eine Autofahrerin, ohne uns zu fragen, ihr Fahrzeug auf unserer Auffahrt. Obwohl ich die Fahrerin dieses Autos aufgefordert habe, weg zu fahren, ist sie ausgestiegen und in das Nachbarhaus gegangen. Ich habe die Polizei nicht benachrichtigt, da ich eine andere Erziehung habe. Ich habe die Frechheit dieser Person gesehen und sie mit der unserer Nachbarin verglichen.

Eines Tages bekamen wir Besuch. Als der Besuch gerade zum Wegfahren ins Auto stieg, kam unsere Nachbarin mit dem Auto, parkte auf unserer schmalen Straße und ließ, obwohl sie gesehen hat, dass der Fahrer ins Auto gestiegen war und wegfahren wollte, ihre Fahrertür ganz geöffnet und ging ins Haus. Um eine Schädigung des Nachbars Auto zu vermeiden, bin ich auf die Straße gegangen und habe die Tür ihres Autos zugemacht. Die Nachbarin war wütend, dass ich die Tür zugemacht habe und schimpfte mit den Worten „Sie haben einen Mund, warum sagen sie nichts.“ 

Eines Tages schellte es an unserer Haustür. Die Tochter der Nachbarin war vor der Tür und schimpfte mit den Worten „Was haben Sie in unseren Garten geworfen“? Ich wusste nicht, was Sie damit meinte. Sie wiederholte die Frage, und als ich ihr sagte „Ihre Mutter soll kommen“ ging sie weg in Richtung ihres Hauses. Ich hörte gleichzeitig die Stimme unserer Nachbarin hinter der Ecke unserer Garage „Halt die Schnauze“. Eine Familie mit hoher Bildung??

Dieses böswillige Verhalten unserer Nachbarn hat mich sehr enttäuscht. Ich, als Christ in der Minderheit in der Türkei lebende Person, der um in Freiheit zu leben nach Deutschland ausgewandert war, bekam hier eine nichtausländerfreundliche Familie als unmittelbaren Nachbarn, was für eine Schicksal.


Seite zurück: Kurze Erinnerungen 4
nächste Seite: Namensänderung


 

© Copyright 2004-2018 - CMS Made Simple
This site is powered by
CMS Made Simple version 1.11.11
Template Womba2

Design: by DNA4U, das andere Ge(n)schenk®